Matthias Sutter: Entscheidungen mit Verstand und Gefühl

Matthias Sutter erforscht an der Uni Innsbruck in Experimenten die wahren Gründe für das Verhalten der Menschen. Er ist einer der produktivsten Ökonomen Europas.

Matthias Sutter
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Wien. Der Mensch ist ein Verstandeswesen. Aber nicht nur: „Das Bild des reinen ,Homo oeconomicus‘, der völlig rational handelt und seinen Eigennutzen maximiert, ist überholt“, sagt Matthias Sutter. Das ist ein zentrales Ergebnis jener jungen Forschungsrichtung, der sich Sutter widmet: der experimentellen Ökonomie.
„In eine Entscheidung spielen auch viele andere Faktoren hinein: etwa Fairness, Emotionen wie Ärger oder Frustration, das Bestreben, sein Gesicht zu wahren, oder Reziprozität: Wie du mir, so ich dir“, so der Innsbrucker Forscher, der in der Kategorie „Forschung“ als „Österreicher des Jahres“ nominiert ist.
Diese Einflussfaktoren, deren Bedeutung auch früher von vielen geahnt wurde, sind in den letzten 15 Jahren durch Laborexperimente hieb- und stichfest bewiesen worden. Dabei werden Versuchspersonen unter genau definierten Bedingungen vor Entscheidungssituationen gestellt, aus dem Verhalten wird dann auf allgemeine Prinzipien geschlossen.

Sutter ist eigentlich zufällig zu diesem Forschungsgebiet gekommen, in dem er heute einer der produktivsten Wissenschaftler Europas ist. „Ich habe in meiner Dissertation spieltheoretische Modelle zum Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt erstellt. Da hat mich mein Betreuer gefragt, ob die Menschen auch wirklich so handeln, wie ich es berechnet habe“, erinnert er sich. Er hatte damals noch nie etwas von experimenteller Ökonomie gehört und machte sich schlau – unter anderen bei dem in Zürich wirkenden österreichischen Ökonomen (und Nobelpreiskandidaten) Ernst Fehr. Schließlich führte er sein erstes Experiment durch – mit privatem Geld, auch Fördergebern war die Disziplin unbekannt. Er konnte seine theoretischen Vorhersagen beweisen. Und blieb der Forschungsrichtung treu.

Was ihn daran besonders fasziniert: „Wenn ich in das Labor gehe, dann bin ich immer wieder aufs Neue gespannt, was die Leute tun.“ Man könne den Menschen im Grunde beim Entscheiden zusehen, sagt Sutter. Als gesichertes Wissen gilt derzeit, dass die Menschen in anonymisierten Umgebungen, etwa auf Märkten, viel rationaler agieren als bei bilateralen Abkommen. Das Interessante dabei: Die Bedeutung von Emotionen und sozialen Normen ist auf der ganzen Welt und in praktisch allen Kulturen gleich hoch. Eine Konstante dabei sei z. B.: „Wir Menschen optimieren nicht bis zur letzten Kommastelle, sondern wenn ein gewisses Anspruchsniveau erfüllt ist, dann geben wir uns damit zufrieden.“ Klar belegbar ist durch die Experimente zudem, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist.

Wie ehrlich sind Taxifahrer?


Solche grundlegende Faktoren menschlichen Verhaltens untersucht Sutter nicht nur in Labor-, sondern auch in Feldversuchen. Er ist etwa in Volksschulen und Kindergärten gegangen und hat getestet, wie gern sich die Kinder einer Wettbewerbssituation stellen. Das klare Ergebnis: Buben sind viel risikofreudiger als Mädchen, und Buben überschätzen sich viel stärker als Mädchen. Dabei gibt es offensichtlich angeborene Aspekte, aber auch soziale und kulturelle Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Wie groß die Anteile sind, ist eine offene Frage, an der intensiv geforscht wird. Es gibt kaum eine Entscheidungssituation, die nicht per experimenteller Ökonomie untersucht werden kann. So hat Sutter kürzlich mit Kollegen in Athen getestet, wie ehrlich Taxifahrer sind – abhängig davon, wie selbstsicher und in welcher Sprache die Fahrgäste auftreten (und wie sehr Fahrer daher ihren Wissensvorsprung ausnützen und einen Fahrgast übers Ohr hauen können). Im Moment läuft ein großes Forschungsprojekt mit Kindergarten- und Volksschulkindern, in dem Kooperationsbereitschaft im Kindesalter untersucht wird. Denn ein gelungenes Zusammenleben in einer Gesellschaft hänge von Kooperation ab, betont Sutter.

Auf einen Blick

Matthias Sutter, geb. 1968 in Vorarlberg, studierte an der Uni Innsbruck Volkswirtschaftslehre (und Theologie). Nach seiner Habilitation in VWL forschte er in den wichtigsten Gruppen für experimentelle Ökonomie in Deutschland (Jena, Köln) und nahm 2006 einen Ruf als Professor an die Uni Innsbruck an – auch aus familiären Gründen; er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Zu-dem ist Sutter Teilzeitprofessor in Göteborg.

 

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