Feuer verwüstet Kathedrale: "Wir werden Notre Dame wieder aufbauen"

Das Wahrzeichen der Stadt Paris stand Montagabend in Vollbrand. Die Feuerwehr konnte den Einsturz des Dachreiter-Turms und des Dachstuhls nicht verhindern, aber die beiden markanten Ecktürme retten. Der französische Präsident Macron verspricht einen Wiederaufbau der Kathedrale.

Die Kathedrale Notre-Dame am Dienstagmorgen, dem Tag nach dem Feuer
Die Kathedrale Notre-Dame am Dienstagmorgen, dem Tag nach dem Feuer
Die Kathedrale Notre Dame am Dienstagmorgen, dem Tag nach dem Feuer – (c) APA/AFP/STEPHANE DE SAKUTIN (STEPHANE DE SAKUTIN)

Die Kathedrale Notre Dame de Paris brannte. Orange-rote Flammen schlugen am Montag in den Pariser Abend- und später in den Nachthimmel. Der Dachreiter-Turm stürzte Flammen-umringt und glühend ein. Erst am Dienstagmorgen gab die Feuerwehr bekannt, dass sich das Feuer unter Kontrolle befinde: Das Feuer sei komplett gelöscht.

Der Schaden ist gewaltig - wie groß, wird sich noch zeigen. Die Westfassade mit den zwei markanten, weil unvollendeten, Türmen dürfte die Katastrophe aber einigermaßen überstehen. Wie ein Sprecher der Feuerwehr in der Nacht auf Dienstag mitteilte, konnte die "Struktur vor der totalen Vernichtung" gerettet werden. Welche Ausmaße dieser Brand aber tatsächlich hat, lässt sich mit Bestimmtheit erst in einigen Tagen sagen. Das Feuer dürfte bei Sanierungsarbeiten an der rund 800 Jahre alten Kirche ausgebrochen sein. 

Gegen 18.50 Uhr war das Feuer bemerkt worden. Die Feuerwehr rückte mit einem Großaufgebot aus, konnte den Flammen, die sich durch Jahrhunderte-altes Holz im Dachstuhl fraß, aber wenig entgegensetzen. Das Motto lautete Schadensbegrenzung. Die etwa 400 Feuerwehrmänner und -frauen waren mit Wasserschläuchen und Drehleitern im Einsatz. 

Die Feuerwehr rief die Einwohner auf, die Gegend zu meiden und den Rettungsfahrzeugen Platz zu machen. Bürgermeisterin Anne Hidalgo sprach von einem „furchtbaren Brand“. Auch sie rief die Menschen über Twitter dazu auf, die Sicherheitsabsperrungen zu respektieren. Zu diesem Zeitpunkt bildeten sich nämlich an den Quais und auf den Brücken große Zuschauermengen. Viele machten Fotos mit ihren Handys. Andere beteten oder blickten mit Tränen in den Augen in Richtung Notre-Dame.

In den ersten Stunden nach der Alarmierung konnten aber einige Kunstwerke aus dem Kircheninnenraum gerettet werden. Die Rauchschwaden waren kilometerweit zu sehen. Zum Entsetzen der Schaulustigen und Beobachtern weltweit quoll auch immer wieder Rauch aus einem der beiden großen Türme an der Westfassade.

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„Alles brennt!“

Ein Teil der Seine-Insel, auf der die Kathedrale steht, wurde um 19.30 Uhr evakuiert. Die Spitzturm (jener dünnere Turm in der Mitte des Daches, nicht die markanten Türme der Westfassade) brach plötzlich zusammen, kurz gefolgt vom Dachstuhl, an dem schon länger die Flammen züngelten. Präsident Emmanuel Macron und Premierminister Edouard Philippe kamen zur Kathedrale. Macron hatte seine mit Spannung erwartete Rede zur Lage der Nation kurzfristig abgesagt. "Ich bin traurig, dass ich heute Abend sehen muss, wie dieser Teil von uns allen brennt", sagte Macron.

„Alles brennt“, sagte der Sprecher der Kathedrale Notre-Dame, Andre Finot. „Von dem Dachstuhl, der zu einem Teil aus dem 19. Jahrhundert und zum anderen Teil aus dem 13. Jahrhundert stammt, wird nichts übrig bleiben“.

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„Wir hörten Holz knacken“

Ersten Berichten zufolge wurde bei dem Großbrand ein Feuerwehrmann schwer verletzt. Berichte über verletzte Touristen, Besucher oder Kirchenmitarbeiter gibt es nicht. Eine Familie aus dem Nordburgenland war am Montagabend in unmittelbarer Nähe, als die Kathedrale in Flammen aufging. „Wir haben noch Fotos von der intakten Kirche gemacht und als wir nach dem Abendessen aus dem Lokal gekommen sind, haben wir schon schwarzen Rauch und Flammen gesehen“, schilderte Daniel Högerl der Austria Presse Agentur (APA).

Högerl und seine Lebensgefährtin verbringen die Osterferien mit ihren beiden Söhnen in Paris und waren auf Sightseeingtour. Zum Abschluss marschierten die vier vom Louvre Richtung Notre Dame, schossen noch Fotos und suchten dann ein Lokal in der Nähe auf. Als sie Sirenen der Einsatzkräfte hörten, verließen sie das Restaurant – aus dem Dach der Kathedrale schlugen bereits die Flammen, schwarzer Rauch verdunkelte die Abendsonne.

Notre Dame: Chronik einer Brandkatastrophe

„Die Polizei hat die Leute zurückgedrängt, weil man ja nur über Brücken auf die Insel zur Notre Dame kommt. Wir haben dann noch Holz knacken gehört, denn dort stand ein Gerüst für Renovierungsarbeiten. Überall waren Einsatzkräfte und auch die U-Bahnstation war gesperrt“, schilderte der Augenzeuge. Panik sei jedoch keine ausgebrochen, die für Paris üblichen Touristenmassen hätten sich recht ruhig verhalten.

Macron verspricht Wiederaufbau

Der französische Präsident Macron versprach einen Wiederaufbau der gotischen Kirche. "Wir werden Notre-Dame gemeinsam wieder aufbauen", sagte er noch am Montag. Man werde "eine nationale Spendenaktion ins Leben rufen", kündigte Macron an. "Wir werden die größten Talente, auch von außerhalb unserer Grenzen, herbeirufen."

Die französische Milliardärsfamilie Pinault versprach umgehend 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau der von Flammen verwüsteten Kathedrale, wie Francois-Henri Pinault, der Chef des Luxusmodekonzerns Kering (Gucci, Saint Laurent, Balenciaga), in der Nacht auf Dienstag bekanntgab. Er und sein Vater Francois Pinault hätten beschlossen, das Geld aus der Familien-Finanzholding Artemis bereitzustellen.

200 Jahre bis zur Fertigstellung

Die Kathedrale steht im Herzen der Stadt auf der Île de la Cité und ist eine der Pariser Top-Touristenattraktionen. Sie wird jährlich von Millionen von Menschen besucht. Ihre Geschichte reicht bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück. Fast 200 Jahre vergingen bis zur Fertigstellung. Die Zerstörung bedeutet einen dramatischen Verlust für ganz Frankreich. "Es sind viele Kunstwerke darin", sagte die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. "Es ist eine echte Tragödie". Sie ist UNESCO-Weltkulturerbe und bekannt unter anderem für ihre gotischen Bögen, steinernen Wasserspeier und bunten Glasfenster. Wegen Renovierungsarbeiten sind weite Teile der Kirche derzeit eingerüstet. Erst vergangene Woche waren Bronzeplastiken aus dem Gebäude geschafft worden.

Mit seinem 1831 erschienenen historischen Roman „Der Glöckner von Notre Dame" verewigte Victor Hugo die Kathedrale in der Literatur. Seit den islamistischen Terroranschlägen, die Frankreich zuletzt heimgesucht hatten, wird die Kathedrale von Soldaten bewacht. 

Weltweit sorgte der Brand für Entsetzen. Der Vatikan reagierte bestürzt. "Der Heilige Stuhl hat die Nachricht des entsetzlichen Brandes, der die Kathedrale von Notre-Dame, Symbol der Christenheit in Frankreich und der Welt, verwüstet hat, mit Schock und Trauer aufgenommen", erklärte Papst-Sprecher Alessandro Gisotti.

Trump gab per Twitter Rat

Auch US-Präsident Donald Trump zeigte sich bestürzt. Die Kathedrale sei einer der größten Schätze auf der Welt, großartiger als fast jedes Museum auf der Welt. "So schrecklich, das verheerende Feuer an der Notre-Dame-Kathedrale in Paris zu sehen. Vielleicht könnten fliegende Wassertanks eingesetzt werden, um es zu löschen. Es muss schnell gehandelt werden!"

Allerdings hätte eine Befolgung seines Tipps fatale Folgen gehabt, wie Experten umgehend wissen ließen. So ließ die Reaktion der französischen Fachleute nicht lange auf sich warten: Von einem Flugzeug Wasser auf ein solches Gebäude abzuwerfen, könne zum Einsturz des gesamten Gebäudes führen, schrieb der Zivilschutz auf Twitter.

(Red.)

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