Wien: Kalifatsanhänger predigt im Kircheninstitut

Der Organisator der für März geplanten Kalifatskonferenz in Vösendorf predigt regelmäßig am Wiener Afro-Asiatischen Institut – einer Stiftung der Erzdiözese Wien.

Symbolbild
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(c) Clemens Fabry

[WIEN] Er hält die Todesstrafe bei Ehebruch für gerechtfertigt. Er spricht dem Staat Israel das Existenzrecht ab. Er fordert die Wiedererrichtung des Kalifats in der islamischen Welt. Und Shaker Assem, Sprecher der panislamischen „Hizb ut-Tahrir“ (Partei der Befreiung), der für den 10. März eine Kalifatskonferenz in Vösendorf plant („Die Presse“ berichtete), hält regelmäßig die Freitagspredigt im islamischen Gebetsraum des Wiener Afro-Asiatischen Instituts (AAI).

Das AAI, im Jahr 1959 von Kardinal König als „entwicklungspolitisches Bildungshaus“ gegründet, ist eine kirchliche Stiftung, die auch aus Mitteln der Erzdiözese Wien unterhalten wird. Was natürlich die Frage aufwirft, für wie kompatibel die kirchlich unterstützte Einrichtung die politische Einstellung des Predigers hält.

„Guter Dialogpartner“

„Es ist eine schwierige Situation, über die wir seit Jahren diskutieren“, sagt AAI-Geschäftsführer Nikolaus Heger. „Wir wissen über seinen Hintergrund Bescheid, und er weiß, dass wir seine Werthaltung skeptisch betrachten.“ Allerdings sei Assem ein guter Dialogpartner, der das Gespräch und die Auseinandersetzung suche. Noch dazu sei die Hizb ut-Tahrir in Österreich nicht verboten – und der Verfassungsschutz, bei dem man sich über Assem informiert habe, „hat uns nicht gesagt, dass wir ihn rausschmeißen sollen“. Und, so Heger, er repräsentiere einen Islam, der Realität sei. „Wenn Sie eine Umfrage unter Moslems machen, werden Sie viele finden, die Israels Existenzrecht ablehnen.“ Genau darum sei es wichtig, auch Menschen wie ihn in den Dialog einzubeziehen.

Man arbeite aber auch mit anderen Vertretern des Islam zusammen, die gemäßigtere Ansichten haben, unter anderem mit Ednan Aslan, dem Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Wien. Und bei Dialogveranstaltungen mit Schulklassen würde Assem auch nicht eingesetzt, um den Schülern nicht ein zu radikales Bild des Islam zu vermitteln.

Wobei man im Institut Wert darauf legt, dass Assem zwar radikale Ansichten habe, aber keinesfalls ein „Hassprediger“ sei. Denn er predige keine Gewalt. Tatsächlich distanziert sich die Hizb ut-Tahrir von individuellem Terror und gibt an, den Weg zum Kalifat mithilfe intellektueller Überzeugungsarbeit gehen zu wollen. Allerdings betrachtet die Partei terroristische Aktionen etwa gegen Israel oder auch bewaffnete Aktionen gegen Regime in arabischen Ländern als legitimen Widerstand. Genau deswegen ist die Organisation auch in zahlreichen islamisch geprägten Ländern verboten. Auch in Deutschland gibt es seit 2003 ein Verbot. Der österreichische Verfassungsschutz sieht in der Ideologie einen potenziellen Nährboden für Radikalisierung und beobachtet deswegen auch die Aktivitäten der Hizb ut-Tahrir.

Neue Prediger gesucht

Weil man sich im AAI der Problematik von Assems Engagement und der radikalen Inhalte seiner Predigten bewusst ist, will man sich nun auch nach anderen Predigern umsehen. Kürzlich fragte man bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) an, ob sie Imame vermitteln könne, die abwechselnd mit Assem die Freitagspredigt halten sollen – noch läuft die Suche. Die IGGiÖ selbst steht kritisch zu dem Gedankengut, das Assem vertritt, und will nicht in seine ideologische Nähe geraten.

Assem selbst will die Freitagspredigt im AAI gerne weiter halten – auch im Dienstrad mit anderen Imamen, „wenn man mich lässt“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“. Allerdings ist er auch bereit, seine Funktion abzugeben, sollte das eine Bedingung der IGGiÖ – die er nicht als Vertretung der Muslime anerkennt – sein. „Ich reiße mich nicht um diesen Posten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2011)

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