Todesschüsse in Wien: Abrechnung des Montenegro-Kartells?

Ein Toter, ein Schwerverletzter – das ist die Opferbilanz nach Schüssen in Wien. Die Polizei schließt Terror aus. Hintergrund könnte ein montenegrinischer Drogenkrieg sein. Der Schütze ist offenbar weiterhin auf der Flucht.

SCHUeSSE IN WIENER CITY - EIN TOTER, EIN SCHWERVERLETZTER
SCHUeSSE IN WIENER CITY - EIN TOTER, EIN SCHWERVERLETZTER
APA/GEORG HOCHMUTH

In der Wiener Innenstadt, nahe dem Lugeck, in der viel frequentierten Fußgängerpassage zwischen Bäckerstraße und Wollzeile, spielten sich Freitagmittag, etwa 13.30 Uhr, dramatische Szenen ab: Mitten im Weihnachtstrubel wurde ein Mann erschossen. Ein anderer Mann wurde durch Schüsse schwer verletzt. Täter und Opfer haben sich offenbar gekannt. Laut Polizeisprecher Daniel Fürst handelte es sich um „ausländische Personen“. Die Schüsse wurden vor dem bekannten Wiener Schnitzellokal Zum Figlmüller abgefeuert, das zu dieser Zeit sehr gut besucht war. Die Suche nach dem flüchtigen Schützen brachte laut serbischen und montenegrinischen Medien auch am Samstagvormittag kein Ergebnis.

Gezielte Tat

Die Polizei ging von „einer gezielten Straftat“ aus. Dafür spricht auch die Tatsache, dass jener Mann, der starb, einen Kopfschuss erlitten hatte. Insofern könnte es sich um eine Art Abrechnung oder gar Hinrichtung im Bereich der organisierten Kriminalität gehandelt haben.

Medienberichten aus Montenegro zufolge soll der Hintergrund der Tat ein Konflikt zwischen zwei Drogenkartellen sein. Bei dem Toten handelt es sich demnach um einen 31-jährigen mutmaßlichen Drogenhändler – er gilt als einer der führenden Persönlichkeiten des Kavački-Clans, der sich im Krieg mit dem Škaljarski-Clan befindet. Dabei geht es um die Vorherrschaft um den Kokainhandel auf dem Balkan. Er wurde erst am 8. Dezember aus der Haft in Belgrad entlassen, wo er wegen Dokumentenfälschung verurteilt wurde. Der 31-Jährige war bereits 2009 wegen Mordes an einem rivalisierendem Bandenchefs und Fan-Anführer des Vereins Roter Stern Belgrad verurteilt worden. Fünf Jahre später kam er frei.

Der Kavački-Clan und der Škaljarski-Clan kommen beide aus der montenegrinischen Hafenstadt Kotor, die als Umschlagplatz für Kokain aus Südamerika gilt. Bei dem Krieg zwischen den beiden Clans wurden bisher rund 40 Personen getötet. Die meisten wurden Opfer von Schießereien und gezielten Bombenattentaten. Auch investigative Journalisten, die zu dem Thema arbeiten, wurden angegriffen und bedroht. Bislang tobte der Bandenkrieg vor allem in Montenegro und im benachbarten Serbien. Seitens der Polizei war am Freitagabend niemand erreichbar, um diese Medienberichte aus Montenegro zu kommentieren.

Großfahndung mit Hubschrauber

Die Großfahndung, bei der auch ein Hubschrauber zum Einsatz kam, der vorerst über der Wiener Innenstadt kreiste, galt vorerst zwei Verdächtigen. Auf Twitter versuchte die Wiener Polizei, die Bevölkerung am frühen Freitagnachmittag zu beruhigen. „Es besteht derzeit keine Gefährdung für Unbeteiligte!“, hieß es. Ein Augenzeuge, der – laut eigenen Angaben – freischaffende litauische Journalist Vladimir Vodo, der als Tourist in Wien ist, schilderte, dass er Pistolenschüsse gehört habe. Es seien mindestens fünf, nicht mehr als zehn Schüsse gewesen. Er habe zwei Männer am Boden liegen gesehen. Überall sei Blut gewesen.

Er habe zudem einen dritten Mann gesehen, der mit den am Boden liegenden gesprochen habe. Die Männer sollen sich in einer slawischen Sprache verständigt haben, möglicherweise Serbokroatisch. Bei dem dritten Mann habe es sich offensichtlich nicht um den oder einen der Täter gehandelt, da dieser „wie ein Bruder“ der Opfer gewirkt habe.

Die Presse/PW

Lokalbesuch vor der Tat

Der Geschäftsführer des Figlmüller, Harald Prochazka, stellte klar, dass die Tat – entgegen ersten vereinzelten Meldungen – nicht in dem Restaurant begangen wurde. Allerdings dürften die drei Männer, die auch der Augenzeuge beschrieben hat, vor den Schüssen beim Figlmüller essen gewesen sein. Dies erzählten Angestellte des Lokals. Die Polizei war Freitagabend damit beschäftigt, die Angestellten und auch Gäste des Restaurants zu vernehmen.

Der Tatort war stundenlang großräumig abgesperrt. Auch die Wollzeile war bis etwa 16 Uhr gesperrt. Etwas später wurde auch die Sperre der Bäckerstraße und vom Lugeck aufgehoben. Ein Großaufgebot an Beamten sowie rot-weiße Absperrbänder prägten die Szenerie. War zuerst von zwei flüchtigen Verdächtigen die Rede, so ging die Polizei im Lauf des Nachmittags nur noch von einem mutmaßlichen Schützen aus. Dieser könnte vor dem Figlmüller gelauert und zugeschlagen haben, als die drei Männer, die sich in dem Lokal befanden, dieses verließen.

Bandenkrieg der Drogenkartelle in Montenegro

Obwohl Montenegro schon lange Zeit ein Umschlagplatz für Drogen nach Westeuropa ist, war die Sicherheitslage lange Zeit stabil. Das änderte sich im Jahr 2014:

Rund 250 Kilogramm Kokain verschwanden im spanischen Valencia. Zwischen den Großdealern kam es zu Streit, man warf sich gegenseitig Diebstahl und Betrug vor. In Kotor etablierten sich nun zwei Clans, der Kavački-Clan und der Škaljarski-Clan, die sich seither bis aufs Blut bekämpfen.

Die Erfolge der montenegrinischen Behörden beim Kampf gegen die Drogenkriminalität sind spärlich. Viele Bürger in Montenegro gehen davon aus, dass sich auch hohe Stellen und Polizei von der Drogenmafia schmieren lassen.

Die beiden Kokainclans sind nicht die Einzigen in Montenegro, die wegen Schmuggels für Aufmerksamkeit sorgen. Italienische Behörden ermittelten sieben Jahre lang wegen Zigarettenschmuggels gegen den Präsidenten Milo Đukanović, der seit nunmehr knapp dreißig Jahren an der Macht ist und zu den reichsten Männern Montenegros gehört.

In Montenegro sorgen sich aufgrund der Bandenkriege viele um den Tourismus, der rund ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Touristen wurden bislang aber nicht zu Opfern des Bandenkriegs. Montenegro ist Beitrittskandidat für die Europäische Union und könnte, so lautete es aus der EU-Kommision – bereits 2025 Mitglied werden. Die größten Hürden dafür sind Korruption und die organisierte Kriminalität in dem Land

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2018)

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