Der Rücktritt eines "alten, mächtigen Mannes"

Peter Pilz sieht sich nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer. Eva Glawischnig, die frühere Grünen-Chefin, weist den "Rache"-Vorwurf zurück.

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Peter Pilz – (c) Clemens Fabry (Presse)

Peter Pilz hatte Schwierigkeiten, seinen Rücktritt verkünden zu können. Zu viele Kameras und Journalisten standen Samstagvormittag im Café Landtmann im Weg zum Rednertisch. Freitagabend hatte Pilz eine Pressekonferenz für Samstag einberufen, um zu den Vorwürfen der sexuellen Belästigung Stellung zu beziehen. Samstagfrüh war durchgesickert, dass er wohl seinen Rücktritt verkünden wird – dementsprechend groß war der Andrang.

„Die Presse“ hatte am Freitag über den Fall einer ehemaligen Mitarbeiterin Pilz' berichtet, die sich mit einer Beschwerde zuerst an eine Vertrauensperson im grünen Klub und danach Anfang 2016 an die Gleichbehandlungsanwaltschaft gewandt hatte. Der Akt liegt der „Presse“ vor. Es werden eine Fülle an Vorfällen geschildert, die von unpassenden Anreden wie „Baby“, „Piccola“ oder „Lange“ bis zu Berührungen reichen. Pilz soll auch versucht haben, die junge Frau zu küssen. Er soll ihr unaufgefordert erzählt haben, dass ihm Ärzte nach einer schweren Krankheit gesagt hätten, dass er danach womöglich impotent sein könnte. Er könne der Frau aber versichern, dass er noch potent sei. Einmal soll er seine Mitarbeiterin nach ihrem Parfüm gefragt haben. Als sie ihm antwortete, dass es aus Paris sei, soll er gesagt haben: „Was hilft das Höschen aus Paris, ist das Mädchen drunter mies!“

''Schatzi ist frei erfunden'': Pilz' Rückzug in Zitaten

Die Gleichbehandlungsanwaltschaft hat auch eine Bewertung zu den Darstellungen abgegeben: „Die uns von Frau [. . .] äußerst glaubhaft geschilderten Verhaltensweisen und Bemerkungen ihres Vorgesetzten, Herrn Peter Pilz, erfüllen nach unserer Beurteilung die Tatbestände der sexuellen und der geschlechtsbezogenen Belästigung“, ist dort zu lesen.

Nach Erscheinen des „Presse“-Artikels meldete sich via Twitter eine weitere Person, die 2013 einen Vorfall beim Europäischen Forum Alpbach beobachtet haben will. Der Mann schreibt: „Ich war persönlich Zeuge einer sexuellen Belästigung von Peter Pilz beim #efa2013 – grässlicher Typ! Frau angegrapscht.“ Die betroffene Frau, eine Mitarbeiterin der Europäischen Volkspartei, äußerte sich gegenüber dem „Falter“: „[. . .] seine Hände waren überall. Zuerst umklammerte er meinen Arm, mit der anderen Hand war er an meinem Hals und dann an meinem Busen und Rücken. Auch sein Gesicht war viel zu nahe an mir. Das ging alles ziemlich schnell.“ Sie hätte sich gar nicht mehr bewegen können, „geschweige denn wehren“. Zwei Zeugen hätten Pilz dann weggezogen.

Fehlende Erinnerung. Peter Pilz kann sich nach eigenen Angaben an den Vorfall nicht erinnern. „Ich kann dazu nichts sagen. Es tut mir leid. Aber wenn es zwei Zeugen dafür gibt, werde ich zurücktreten. Die Maßstäbe, die ich für andere setze, gelten auch für mich.“

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Was die Vorwürfe seiner Ex-Mitarbeiterin betrifft, gestaltet sich die Angelegenheit für ihn anders. Ja, es habe das Schreiben der Gleichbehandlungsanwaltschaft gegeben, aber ihm seien die Vorwürfe „bis zum heutigen Tag nicht genau bekannt“, sagte er. Insofern könne er auch keine Stellung beziehen: „Ich schließe aber kategorisch aus, dass es irgendeine Form der sexuellen Belästigung gegeben hat.“

Pilz sieht sich in dieser Causa auch als Opfer. „Es handelt sich im weitesten Sinne um einen Arbeitskonflikt.“ Die junge Frau sei ehrgeizig gewesen, habe von ihm eine Beförderung verlangt. Plötzlich hätten die Belästigungsvorwürfe angefangen. Er habe stets auf ein öffentliches Verfahren gedrängt, das sei ihm verwehrt geblieben. Zu einem Verfahren ist es auch deswegen nicht gekommen, weil die Betroffene ein solches ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr weiter vorangetrieben hat – im Hintergrund verhandelten die Anwälte. Auf der Seite von Peter Pilz war das Alfred Noll, der nun auch als Mandatar seiner Liste ins Parlament einziehen wird. Laut Informationen der „Presse“ soll eine Stillhaltevereinbarung getroffen worden sein.

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Pilz gibt dazu an, ab Beginn der Vorwürfe ein Tagebuch geführt zu haben, das er nun veröffentlichen wolle. Dazu vermutet er hinter dem erneuten Lautwerden der Vorwürfe eine Racheaktion der Grünen: „Fallen mit den Mandaten und Jobs auch die Hemmungen weg? Heißt es jetzt Rache für das, was nicht ich, sondern Wählerinnen und Wähler entschieden haben?“

Dazu bezog Ex-Grünenchefin Eva Glawischnig in einer Aussendung Stellung: „Ich weise als damals politisch verantwortliche Klubobfrau den Vorwurf der politischen Intrige aufs Schärfste zurück.“ Weiters sei es dazu unwahr, dass Pilz nichts von den Vorwürfen gewusst habe – und darum, wie er behauptet – keine Stellung beziehen konnte. Es sei richtig, dass aus rechtlichen Gründen keine schriftliche Übermittlung des Schreibens der Gleichbehandlungsanwaltschaft möglich sei. „Es wurde ihm aber langsam vorgelesen, er konnte mitschreiben. Er wollte dazu aber ohne eine – der Klubleitung aus rechtlichen Gründen nicht mögliche – schriftliche Übermittlung des Schreibens nicht konkret Stellung nehmen“, sagte die Ex-Grünen-Chefin. Sie verweist auch darauf, dass alles protokolliert wurde.

Lernprozess. Weiters sollten Pilz die Vorwürfe spätestens seit Donnerstag bekannt sein, als ihn das „Profil“ schriftlich mit dem Inhalt des Schreibens der Gleichbehandlungsanwaltschaft konfrontierte. Die Kollegen von „Profil“ hatten ebenso wie „Die Presse“ bis zur Pressekonferenz am Samstag keine Antworten auf Anfragen bekommen.

Peter Pilz hielt in seiner Rede fest, dass er aus der Causa lernen möchte. „Ja, ich bin einer dieser alten, mächtigen Männer. Und vielleicht müssen wir dazulernen, dass es nicht nur darum geht, wie wir etwas empfinden, sondern wie die Frauen es empfinden.“

("Presse am Sonntag", Print-Ausgabe, 05.11.2017)

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