"Es hat keinen Sinn, von Österreichern Pünktlichkeit zu erwarten"

Ein nun veröffentlichter Leitfaden für US-Besatzungssoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt, wie GIs auf ihren Dienst in einem Land voller charmanter Biertrinker vorbereitet wurden.

Österreich in der Besatzungszeit
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Österreich in der Besatzungszeit
Österreich in der Besatzungszeit – Presse Archiv /CEP

Wenn Menschen auf fremdartige Kulturen stoßen, sind Missverständnisse vorprogrammiert. „Glauben Sie nicht etwa, dass sie sich in Faschingskostümen zeigen“, wird der Besucher über das Trachten tragende Volk aufgeklärt. Und: „Es hat keinen Sinn, von den Österreichern Pünktlichkeit und Verlässlichkeit zu erwarten, so wie wir diese Begriffe verstehen.“ Es ist kein gewöhnlicher Reiseführer, der diese Tipps gibt, sondern ein Leitfaden für US-Besatzungssoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg. „Austria – A Soldier's Guide“ ist nun vom Czernin-Verlag herausgegeben worden, nachdem ein Original bei dem Sohn eines früheren US-Soldaten aufgetaucht war. Das 34 Seiten schmale Bändchen sollte GIs ab 1945 auf ihren Dienst in der Alpenrepublik vorbereiten.

„Österreicher und Deutsche sprechen zwar die gleiche Sprache, Österreicher sind aber in vielerlei Hinsicht ein anderes Volk“, heißt es gleich im zweiten Satz des Leitfadens. Damit ist so etwas wie die Kernbotschaft des gesamten Werkes vorgegeben: hier die „befreiten“ Österreicher, dort die „besiegten“ Deutschen. Erstere hätten, heißt es etwa verharmlosend, nur eine Minderheit unter den Peinigern des NS-Regimes in Österreich dargestellt. Außerdem seien die Österreicher „als Volk uns gegenüber niemals so feindselig eingestellt“ gewesen wie die Deutschen.

US-Militärmusik in Wien
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US-Militärmusik in Wien
US-Militärmusik in Wien – Presse Archiv /CEP

Vor Sentimentalität wird gewarnt

Vor Sorglosigkeit wird dennoch ausdrücklich gewarnt: Die Soldaten sollten darauf vorbereitet sein, dass noch immer eine Nazi-Untergrundbewegung existiere, die versuchen werde, die Besatzungstruppen zu schädigen. „Das Leben in Österreich erfordert permanente Umsicht, Wachsamkeit und Selbstsicherheit.“

Auch Sentimentalität gegenüber der Bevölkerung sei fehl am Platz: Wenn Österreicher von ihrem schweren Los sprächen, solle man sie ruhig daran erinnern, dass „es teilweise ihre eigene Schuld war, dass ihr Land von den Deutschen überrannt wurde und dass sie sich anschließend in Hitlers Armeen kämpfend wiederfanden“. Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus – der Boden für diese These wurde in der Moskauer Deklaration der Alliierten von 1943 gelegt, in Österreich hielt man jahrzehntelang daran fest. Ebenfalls in der Moskauer Deklaration festgeschriebenes Ziel der Alliierten war ein freier und unabhängiger Staat Österreich, und die US-Soldaten sollten das Ihre dazu beitragen: „Wir wollen, dass sich die Österreicher als friedliebendes Volk neu definieren. Sie können dabei helfen, indem Sie Selbstdisziplin und Selbstkontrolle zeigen und die Österreicher fair und anständig behandeln“, heißt es im Leitfaden.

>> Der Weg zu Österreichs Unabhängigkeit

"Sie haben wenig Achtung vor Regeln und Vorschriften"

Allzu warm werden sollten die Soldaten mit der Bevölkerung aber nicht. Als der Guide entstand, galt ein „Fraternisierungsverbot“, das allerdings bereits im Herbst 1945 aufgehoben wurde. Ab dann war also auch privater Kontakt mit Österreichern zulässig, die, so heißt es, Charme und Sinn für Stil hätten und „einen Spaß so schnell wie Sie, manchmal sogar schneller“ verstünden. Außerdem seien sie „äußerst musikalisch“, und tränken am liebsten eisgekühltes Bier, „das helle mehr als das dunkle“. Auf der Minusseite, neben der schon erwähnten Unpünktlichkeit: „Sie haben wenig Achtung vor Regeln und Vorschriften.“ Auf deren Einhaltung müsse trotzdem gepocht werden, „aber Druck sollte mithilfe einer guten Stimmung ausgeübt werden“. Gewarnt werden die GIs auch vor den „weit verbreiteten“ Geschlechtskrankheiten. Dennoch kamen in der Nachkriegszeit geschätzte 30.000 Kindern von US-Soldaten zur Welt.

Viele Soldaten wussten rein gar nichts über das Land, in das sie geschickt wurden, also enthält der Leitfaden auch kurze Kapitel über Geschichte und Geographie („Der Norden neigt dazu, trostlos zu sein, der Süden ist warm und freundlich.“), sowie nützliche Vokabeln und Phrasen (Von „Gnädige Frau“ bis „Deckung!“).

Vertriebene als Autoren?

Herausgegeben wurde der Guide vom „Mediterranean Theater of Operations, United States Army“ (MTOUSA), der für Militäroperationen im Mittelmeerraum inklusive Südeuropa und Österreich zuständig war. Wer ihn geschrieben hat, ist nicht bekannt. Es könnte sich um Menschen handeln, die vor dem NS-Regime fliehen mussten, vermuten die Herausgeber Philipp Rohrbach und Niko Wahl. Schließlich zeige sich in den Schilderungen noch eine gewisse emotionale Verbundenheit mit den Österreichern.

Ob es nun an den Ratschlägen des Leitfadens lag oder der guten Verpflegung der US-Soldaten, die sie oft auch mit der Bevölkerung teilten, die Amerikaner waren in der Bevölkerung zumeist beliebt. Und vielleicht hatte der eine oder andere GI nach dem Ende seiner Dienstzeit ja auch ein differenzierteres Bild von den Österreichern als das der nachlässig-charmanten Biernation.

Austria – A Soldier's Guide / Österreich – Ein Leitfaden für Soldaten

Herausgegeben von Philipp Rohrbach und Niko Wahl, übersetzt von Evelyn Steinthaler

2017 Czernin Verlag, Wien

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