Eine kleine Anleitung für den Kim-Trump-Gipfel

Warum es Donald Trump und Kim Jong-un auf eine Insel in Singapur verschlägt, wie das Treffen ablaufen soll und was dabei heraus kommen könnte: Sechs Fragen und Antworten zu einem ziemlich historischen Treffen.

Double von Trump, Kim
Double von Trump, Kim
Double von Trump, Kim – imago/Kyodo News

Zumindest die Double von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und US-Präsident Donald Trump haben sich bereits die Hände geschüttelt. Heute sollen es ihnen die echten Politiker gleichtun. Seit Wochen fiebert die Welt auf den Gipfel in Singapur hin. Auf der einen Seite der 71-jährige Staatschef der mächtigsten Nation der Welt, auf der anderen Seite der 34-jährige Diktator des isolierten ostasiatischen Staates. Die wichtigsten Fragen auf einen Blick:

Der Weg auf den Gipfel: Wie kam es zu dem Treffen?

Noch im Vorjahr deckten sich Kim und Trump mit Drohungen und Beleidigungen zu. Trump warnte zum Beispiel in schriller Rhetorik, dass die USA Nordkorea „völlig zerstören“ würden, wenn das Land nicht einlenke. Kim nannte Trump später „geistesgestört“. In Erinnerung bleibt ein Schlagabtausch um die Frage, wer den „größeren und mächtigeren“ Atomknopf habe. Nach dem Jahreswechsel begann Kim eine Charmeoffensive und entsandte während der Winterspiele hochrangige Mitarbeiter zu einem Treffen mit Südkoreas Präsidenten Moon Jae-in. Im April kam es dann zum Gipfeltreffen zwischen Kim und Moon. Schon davor, am 8. März, war bekannt geworden, dass Kim überraschend auch Trump zu einem Treffen eingeladen hat und bis dahin keine Atomwaffen- oder Raketentest durchführen wolle. Trump sagte zu. Zwar wurde das Treffen nach einer Reihe gegenseitiger Drohungen wieder abgesagt. Kurze Zeit später aber wieder angesetzt.

Warum hat es bisher noch keinen solchen Gipfel gegeben?

Donald Trump wird der erste US-Präsident der Vereinigten Staaten sein, der einem Führer Nordkoreas die Hand schüttelt. Dabei wäre es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beinahe so weit gekommen. Das stalinistische Regime fürchtete damals um sein Überleben. Nur der Tod von Staatsgründer Kim Il-sung 1993 verhinderte den Gipfel mit dem damaligen US-Präsident Bill Clinton. Es gab also dann doch kein Treffen in der Clinton-Ära, aber einen Annäherungskurs, der 1994  in der Unterzeichnung des bisher tragfähigsten Nuklearabkommen zwische den USA und Nordkorea gipfelte.

Das Verhältnis der beiden Staaten war und ist freilich von Misstrauen geprägt. Die nordkoreanische Abneigung gegenüber Washington hat ihren Ursprung im Korea-Krieg von 1950 bis 1953: Seitdem die Hauptstadt Pjöngjang im Bombenhagel der „amerikanischen Imperialisten“, dem südkoreanischen Verbündeten, unterging, gelten die USA als Erzfeind Nummer eins - und das wird der Bevölkerung auch stetig so eingehämmert.

Die USA auf der anderen Seite behielten stets eine gewisse Skepsis ob der nordkoreanischen Versprechen, die das Regime allzu oft gebrochen hat. So war die Linie der USA in den vergangen Jahren klar: Washington nannte eine Entnuklearisierung als Voraussetzung für Gespräche; Pjöngjang verlangte jedoch als ersten Schritt einen US-Friedensvertrag als Sicherheitsgarantie.

Wie läuft der Gipfel ab?

Die Bilder werden um die Welt gehen. Am Dienstag, um 3 Uhr früh mitteleuropäischer Zeit, sollen sich Trump und Kim jong-un die Hand reichen und damit Geschichte schreiben. Die Kulisse für das Treffen bildet das Luxushotel Capella auf der Singapur vorgelagerten Insel Sentosa. Dort wollen sich Trump und Kim ohne Berater unterhalten. Außer den beiden Staatschefs sind nur die Dolmetscher antwesend. Das Zwiegespräch könnte Berichten zufolge bis zu zwei Stunden dauern, danach sollen Berater hinzustoßen.  Eine Verlängerung des Gipfel um einen weiteren Tag galt zuletzt als eher unwahrscheinlich. Ausgeschlossen ist ein zweiter Gipfeltag aber nicht.

Es zählen jedoch ohnehin die ersten 60 Sekunden des Treffens. Zumindest erklärte der US-Präsident, er würde „innerhalb der ersten Minute“ wissen, ob „etwas Positives passieren kann“, also, ob es der nordkoreanische Machthaber mit einer möglichen Aufgabe seines Nukleararsenals ernst meine. Für Trump gab es übrigens ein süßes Vorspiel: Singapurs Gastgeber und Regierungschef beschenkte ihn nach seiner Ankunft am Montag mit einer Geburtstagstorte. Trump wird zwar erst am Donnerstag 72 Jahre alt wird aber da ist er ja (ziemlich sicher) nicht mehr in Singapur.

Wer fordert was?

Während die USA von Nordkorea eine "vollständige, überprüfbare und unumkehrbaren Denuklearisierung" der koreanischen Halbinsel verlangen, fordert Pjöngjang von Washington Sicherheitsgarantien. Kim geht es um das wirtschaftliche und politische Überleben. Er will ein Ende der strengen Sanktionen erwirken, die die Staatengemeinschaft in den vergangenen Monaten nach mehreren nordkoreanischen Atom- und Raketentests verstärkt hat. Auch finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung könnte Kim fordern. Außerdem sind Nordkoreas Machthaber auch die 28.500 in Südkorea stationierten US-Soldaten ein Dorn im Auge. Deren Abzug ist allerdings für Seoul ein nicht verhandelbarer Punkt.

Einer der größten Knackpunkte ist, ob Kim und Trump unter dem Begriff "Entnuklearisierung" überhaupt das gleiche verstehen. Im Weißen Haus wird darunter der zumindest schrittweise, aber vollständige Abbau von Nordkoreas Atom- und Raketenarsenal verstanden. Trump hat betont, dass er nur bei einem vollständigen Verzicht Nordkoreas auf Atomwaffen zu einem Abkommen bereit ist. Experten bezweifeln jedoch, dass Kim darauf einsteigen wird - zumal er Rückendeckung von seinem wichtigen Verbündeten China hat.

Gleich zwei Mal empfing der chinesische Staatschef Xi Jinping Kim Jong-un in den vergangenen zwei Monaten. Denn für Peking ist ein Überleben des Regimes fundamental: Der stalinistische Staat dient nach wie vor als Pufferzone zum US-Verbündten Südkorea.

Der mondgesichtige Diktator hat ohnehin bereits einen Etappensieg erzielt: Er verhandelt als Führer einer Atommacht auf Augenhöhe mit dem Präsidenten der USA.

Wie könnte der Gipfel enden?

Nach dem Zickzack-Kurs der vergangenen Wochen ist selbst eine Eskalation möglich. Trump hatte angekündigt, „aufzustehen und zu gehen“, wenn er das Gefühl habe, Kim meine es nicht ernst mit dem Friedensprozess. Doch so weit wird es der vor den Kongresswahlen im November auf einen Erfolg erpichte US-Präsident wohl nicht kommen lassen.

Trump könnte eine vorübergehende Vereinbarung anstreben, bei der Nordkorea einen kleineren Teil seiner atomaren Sprengköpfe oder anderweitig nukleare Fähigkeiten abgibt. Auch auf einen Verzicht auf die für Amerika gefährlichen Interkontinentalraketen könnte Trump drängen. Im Gegenzug müssten die USA und die Vereinten Nationen die Sanktionen lockern. Wird tatsächlich eine solche Zwischenlösung erzielt, würden weitere Treffen folgen.

Warum der Austragungsort Singapur?

Der reiche Stadtstaat mit den Wolkenkratzern und den grünen Oasen hat seine Qualitäten. Nicht nur optisch. Drei Gründe nannte ein US-Regierungsvertreter für den Gipfelstandort Singapur: "Sicherheit, Lage, Neutralität". Im autoritär geführten Singapur gibt es die höchste Dichte an Überwachungskameras. Politisch hält es sich bei Weltkonflikten heraus. Es unterhält sowohl zu den USA als auch zu China gute Beziehungen und pflegt als eines der wenigen Länder auch enge Kontakte zu Nordkorea, wie unser Autor Felix Lee in seinem Stadtporträt über Singapur schildert. Auch die geografische Nähe der 5,5 Millionen Einwohner zählenden Insel zu Nordkorea dürfte eine Rolle gespielt haben: Zumindest halten sich Gerüchte, dass es die Flugzeuge des Regimes in Pjöngjang es auf direktem Wege nicht nach Europa oder Nordamerika schaffen würden. Und eine Zwischenlandung wäre dann doch etwa peinlich gewesen.

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Eine kleine Anleitung für den Kim-Trump-Gipfel

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.