Top-Ökonomen warnen: "Wir sitzen in der Falle"

05.07.2012 | 11:59 |   (DiePresse.com)

Hans-Werner Sinn schart prominente Ökonomen um sich. Sie wollen an die deutsche Kanzlerin appellieren und die Bürger zum Protest gegen die geplante Bankenunion aufrufen.

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Erst zu Beginn der Woche hatte der deutsche Ökonom Hans Werner Sinn kritisiert, dass die Euro-Rettung durch den EU-Gipfel nicht vorangekommen sei. Gegen die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sei ein "Kesseltreiben" veranstaltet worden. "Die finanzielle Stabilität Deutschlands ist gefährdet", warnte er, wie auch Die Presse.com berichtete.

Nun geht Sinn, Chef des deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts ifo, aber einen Schritt weiter. Gemeinsam mit anderen namhaften Ökonomen will er gegen die Beschlüsse des EU-Gipfels vom Wochenende protestieren, berichtet "Spiegel Online". Diese seien schlichtweg falsch. Kanzlerin Merkel sei zur Zustimmung "gezwungen" worden. Sinn warnt, dass die deutsche Bundesbank im Fall eines Auseinanderbrechens der europäischen Währungsunion auf Forderungen von 500 Milliarden Euro an andere Notenbanken sitzenbleiben könnte (Stichwort: "Target 2" - mehr dazu...). "Wir sitzen in der Falle", sagt der Volkswirt. Die Bankschulden seien fast dreimal so groß wie die Staatsschulden.

Auszüge aus dem Appell
"Wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinne​n der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge."

"Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen bei den fünf Krisenländern im Bereich von 9 Billionen Euro. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind."

"Wenn die soliden Länder der Vergemeinschaftung der Haftung für die Bankschulden grundsätzlich zustimmen, werden sie immer wieder von neuem Pressionen ausgesetzt sein, diese Summen zu vergrößern."

Quelle: Handelsblatt

"Wir sitzen in der Falle"

War Sinn bisher eine Art Einzelkämpfer, ist es ihm nun offenbar gelungen, den Widerstand auf ein breiteres Fundament zu stellen. Mitunterzeichner sollen der ehemalige Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, und der Statistiker Walter Krämer sein. Nach Aussage von Krämer, dem Initiator des Protestbriefs, richte sich der Appell vor allem gegen die Bankenunion. "Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", zitiert "Spiegel Online" Krämer. Eine Bankenunion bedeutet nach den Worten von Sinn "eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Euro-Systems".  EZB-Chef Mario Draghi hingegen hat den Einstieg in eine Bankenunion als großen Fortschritt für Europa begrüßt. Die Einigung auf eine einheitliche Bankenaufsicht sei ein "ganz wichtiger Schritt", betonte Draghi am Donnerstag auf der Pressekonferenz nach dem Zinsbeschluss der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt.

Der europäische Rettungsfonds ESM werde zum Bankenhilfsfonds, wurden die Ergebnisse des EU-Gipfels auch in der "Presse" analysiert. "Wenn man mit ESM-Geld die spanischen Sparkassen stützt, muss man das künftig mit allen anderen Banken in vergleichbarer Lage genauso tun können", sagte etwa Karel Lannoo, Experte für Finanzmarktaufsicht beim Brüsseler Centre for European Policy Studies (Ceps) zur "Presse".

"Wahn deutscher Professoren"

An Bord ist laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" auch ein Österreicher: Der ehemalige IHS-Chef Bernhard Felderer. Es gibt aber auch Widerstand gegen den Widerstand, wie das "Handelsblatt" schreibt. Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), war ebenfalls gebeten worden, den Aufruf zu unterzeichnen. Er wies die Bitte zurück und spricht nun vom "Wahn deutscher Professoren". Wenig verwunderlich, denn Horn liegt seit längerem im wissenschaftlichen Clinch mit Sinn.

"Handelsblatt"-Blogger und London-Korrespondent Olaf Storbeck zeigt sich über das Begehren der Ökonomen ebenfalls entsetzt. "Mir stehen die Haare zu Berge. Abgesehen davon, dass ich inhaltlich komplett anderer Meinung bin, finde ich den Duktus dieses Briefes schwer zu ertragen", schreibt er. Sein Urteil: "So demagogisch und platt argumentiert eigentlich sonst nur Herr Tsipras von Syriza. Konstruktive Beiträge zur Lösung der Euro-Krise sehen wirklich anders aus."

 

 

(phu)

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276 Kommentare
 
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Gast: Bleifuss
08.10.2012 13:15
0 0

Da..

.. haben die Infiltratoren von Goldman Sachs ganz ordentliche Arbeit geleistet.

Gast: Die Kastenfalle ist eine bewährte und weitverbreite Lebendfalle dieser Welt
07.07.2012 00:40
1 0

Da ihr schon in der Falle sitzt

kann ich eigentlich nur mehr annehmen, ihr wurdet zu spät durch eure Top-Ökonomen gewarnt.

Gast: irgendwaslaeuftschief
06.07.2012 15:38
2 0

Euro angeblich gerettte - und stuerzt ab ...

schon eigenartig, der ESM etc. soll ja angeblich der grosse Wurf der Eurorettung sein.

Aber der "Markt" weiss das offenbar nicht, denn sowohl der Dollar als auch der brit. Pfund schnellen an Wer rauf, und der Euro stürzt erbärmlich ab

was ist als nächste Rettungsaktion geplant?

Gast: Sorgenvoller Gast
06.07.2012 10:07
12 1

Mut zur Tat haben Sie bewiesen meine Herren.

Bleiben Sie unbedingt bei Ihrer Linie, denn Sie werden vermehrt angefeindet.

Nur so geht es, der Politik muß eindringlich vermittelt werden, das der Wähler nicht mehr bereit ist, sich über den Tisch ziehen zu lassen.

Es wird höchste Zeit das Instrument der Volksbefragung nach Schweizer Modell einzuführen.
Unsere Politiker, insbesondere die jetzige Regierung ist im Begriff uns in die Sklaverei zu führen.

Gast: Oldi_mit_P
06.07.2012 00:17
3 1

Falle wirklich erkannt, Herr Sinn?

Ich habe Zweifel, ob H. Sinn wirklich die Wurzel des Übels erkannt hat. Daß der Euro eine Fehlkonstruktion ist, ist klar, genau so wie es klar ist, daß es unterschiedlich produktive Völker gibt. Aber:
- Wer genau sind denn "die Märkte", deren Vertrauen wir angeblich immer wieder gewinnen müssen? (vgl. City of London)
Ist nicht das als Schuldgeld privat geschöpfte und gegen Zins an die Staaten geliehene Fiat-money (gedeckt durch gar nix) die Quelle der Staatsschulden, nicht nur in GR, auch in D?
- Haben sich nicht vor vielen vielen Jahren schon Fianzoligarchen damit gebrüstet, daß wenn sie das Geld eines Landes kontrollieren, daß es dann egal ist, wer dort regiert?

-> Also, wer hat uns den ganzen Schlamassel eingebrockt, Herr Sinn? Hier geht es um absolute Macht, um Weltmacht. Sprechen Sie das doch mal öffentlich aus! Wobei, dazu müßten Sie vmtl. lebensmüde sein....
Cheers!

3 0

Re: Falle wirklich erkannt, Herr Sinn?

Die Falle hat offenbar nur die ÖVP erkannt!Auf der HP der ÖVP ist bereits aufschlussreiches zu lesen! (Man glaubt im falschen Film zu sein!)

"ESM ist wirksamer Krisenmechanismus 04.07.2012"
http://www.oevp.at/index.aspx?pageid=60107

Da heißt es zB.
"Die Kritik am ESM und die gezielten Falschinformationen weist der Vizekanzler zurück: "Stoppt ESM heißt, dass jeder zehnte Österreicher seinen Arbeitsplatz verliert und Betriebe in Konkurs gehen müssten.
[...]
"Wir sind für Gemeinschaft und Solidarität", unterstreicht Kopf den Willen zur Hilfe für in Not geratene Staaten.
[...]
Auch die nationale Mitsprache bleibt gewährt: Die Finanzminister sind bei einer etwaigen Kapitalerhöhung des ESM genauso wie bei der Inanspruchnahme bereits beschlossenen Kapitals an die Entscheidung der nationalen Parlamente gebunden.
[...]
Statt permanent für Verunsicherung zu sorgen, wie das FPÖ und BZÖ tun, müssen Währungsturbulenzen abgefangen und die Sicherheit für Österreichs Sparer gewährleisten werden. Spindelegger: "ESM heißt auch, dass wir eigenständig unsere Währung ordentlich im Griff halten."


Falscher Film?

Glaube ich nicht. Wir sind nur noch nicht darüber informiert wie die nächsten Schritte aussehen werden.
Am Plan wie es weitergehen soll wird fieberhaft gearbeitet.

4 0

Re: Falscher Film?

Wie es weitergehen wird, ist nicht schwer zu erraten.
Es wird fieberhaft an einer demokratischen Kernschmelze gearbeitet. Wir werden in einer Junta aus Kommissaren und Gouverneuren erwachen und ein potemkinsches Parlament beschließt nur noch Änderungen der Bundeshymne.

Am Plan wie es weitergehen soll wird fieberhaft gearbeitet....


.....dieser wurde bereits von Goldman-Sachs ausgearbeitet.

Gast: TvA
05.07.2012 23:14
1 0

Wieso?!

Wieso ist der Basiszinssatz 0,12% und ich muss, um meine Steuerschulden bezahlen zu können, bei meiner Hausbank z.B. einen Kredit zu 10% (oder mehr) aufnehmen?
Wieso kann ich den Kredit nicht bei der EZB oder der jeweiligen Zentralbank (in GBR zu 0,5%!) für 0,12% (oder meinetwegen für 0,75%, oder ich geb' (als überzeugter Kathole und Demokrat) gerne 1% drauf, für 1.75%) bekommen?!
Was wäre wenn, oder wozu brauchen wir das Bankensystem überhaupt noch? ute Frage, nächste Frage?!

Antworten Gast: Bärenfalle...
06.07.2012 07:05
4 0

Re: Wieso?!

Korrekt erkannt.

In Zeiten von Online und Internet ist das Geschäftsmodell der Banken mit einem Glaspalast in jedem Kuhdorf vollkommen überholt.

Und in Zeiten von Bitcoin braucht man dazu noch nicht einmal eine zentralisierte Serverstruktur oder eine mit fetten Pöstchen versehene Nationalbank.

Da baut man sich ein regionales Zahlsystem mit einem W-Lan Router und den Smartphones der Gemeindebürger .. und kann trotzdem in den USA noch einkaufen.

Alternativ geht das auch mit e-gold welches den Vorteil hat: physische Lieferung und "Aufbewahrung unter der Matratze" möglich.

In 50 Jahren ist das Bankensystem wie wir es heute kennen Geschichte und man wird darüber als Musterbeispiel der Ineffizienz und Stabilitätsgefährdung in den Schulbüchern schreiben.


Der absolute Banken-Wahnsinn...


....allein in Österreich sind die Verbindlichkeiten der Banken +300% des BIP.

Die Schweizer Banken liegen bei fast 500%.

Das ist nur mehr ein Drahtseilakt!

Siehe: http://www.welt.de/wirtschaft/article107914926/Europas-Banken-taumeln-am-toedlichen-Abgrund.html

Antworten Gast: TvA
05.07.2012 22:53
0 0

Re: Der absolute Banken-Wahnsinn...

Ja und?! Werden Schweizer Banken denn von den Rating-Agenturen abgewertet? Nein? Wieso? Dann ist doch alles gut!

Nix kapiert?....


....für alle, die glauben Schweizer Banken sind ein sicherer Hafen, gehen ein hohes Risiko ein.

Im Vergleich zu Ö ist das Risiko 5:3.

Sollte es tatsächlich zum Domino-Effekt kommen, dann zeigt das Chart in der Welt, wo ich noch hohe Wahrscheinlichkeit habe, mein Geld zu bekommen.


Antworten Antworten Antworten Gast: TvA
06.07.2012 00:38
0 4

Re: Nix kapiert?....

Logik ist von gestern, wir leben inzwischen ja im 21. Jh.!

Antworten Antworten Antworten Gast: TvA
05.07.2012 23:30
0 0

Re: Nix kapiert?....

Die Fakten sind doch egal, allein das Rating zählt!

Schon wieder nix kapiert...


...Lehman Brothers hatten ein exzellentes Rating vor dem Crash!

Und was hatten die Anleger davon????

Gast: TvA
05.07.2012 22:16
1 6

Scharia für die (Schein-)Finanzwirtschaft!

Niemand darf Dinge verkaufen, die er vorher nicht vollständig in Besitz genommen hat:
"Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: „über die Menschen wird eine Zeit kommen, in der es dem einen gleichgültig sein wird, ob er seinen Erwerb aus einer erlaubten (halal) oder aus einer unerlaubten (haram) Quelle erzielte.“
[Sahih Al-Bucharyy Nr. 2059] "
Das real existierende westlich geprägte Finanzsystem ist so sehr "haram", das es zum Himmel stinkt! In diesem Punkt: Ein Lob auf den Islam!

Antworten Gast: TvA
05.07.2012 23:41
0 0

Re: Scharia für die (Schein-)Finanzwirtschaft!, Doppellob auf den Judaismus!

Doppellob auf den Judaismus: "
In Dt 24,10-13 wird das Pfandrecht geregelt, vgl. dazu auch Dt 24,6. Alle Einzelbestimmungen sind orientiert am Schutz des Schuldners. »Wenn du deinem Nächsten etwas leihst, darfst du nicht in sein Haus gehen, um ein Pfand von ihm zu nehmen. (11) Draußen sollst du stehen bleiben, der Mann aber, dem du etwas geliehen hast, soll das Pfand zu dir nach draußen bringen. (12) Falls es ein armer Mann ist, <160:> darfst du dich nicht mit seinem Pfand schlafen legen. (13) Du sollst ihm das Pfand bei Sonnenuntergang zurückbringen, damit er sich in seinem Mantel schlafen legen kann und dich segne. Dir aber wird das vor Jahwe, deinem Gott, als Gerechtigkeit gelten« (Dt 24, 10-13).

Der 1. Merkelsche Lehrsatz der Physik:

Die Ordnung im Universum nimmt immer mehr zu WENN man dem System genau den richtigen Anstoß gibt, den "Merkelschwung". - Die europäischen Rettungsregeln mögen am Bildschirm des PC im klimatisierten Büro recht stimmig aussehen, die Wirklichkeit dürfte das aber nicht spielen. Aus Sicht des Beobachters auf der heißen Straße sieht Deutschlands Vorgehen, mit einem Rettungsschirm von bald 1000 Milliarden Euro eine Targetforderung von 500 Millionen Euro retten zu wollen nach primitver FINANZZOCKEREI aus.

500 Milliarden retten war gemeint


Gast: the truth
05.07.2012 21:50
1 3

dass ich nicht lache

"War Sinn bisher eine Art Einzelkämpfer, ist es ihm nun offenbar gelungen, den Widerstand auf ein breiteres Fundament zu stellen."

Sinn soll ein Einzelkämpfer des Widerstands sein, sorry aber da is mir das lachen echt rausgeplatzt.
FRANZ HÖRMANN könnte man einen Einzelkämpfer des Widerstands nennen, aber nicht Sinn der doch schon seit Jahren genau dieses System propagiert was uns erst in die Krise gebracht hat. Ein Geldsystem in dem jedes Stück Geld in Umlauf gleichzeitig als Schuld besteht kann nicht funktionieren, DAS und NUR DAS erleben wir gerade als sog. "Staatschuldenkrise" sorry dass ich an dieser Stelle nochmal lache

Aussage einer Bankangestellten heute nachmittag:

"Im Ernstfall wird der Staat das Geld nicht haben für eine Einlagensicherung von je € 100.000,--"

Kein Geheimnis, aber interessant, dass man/frau es jetzt bereits offen ausspricht.

Re: Aussage einer Bankangestellten heute nachmittag:

lieber maikäfer, wer sollte für mio österreicher je 100.000€ zahlen ? wenn nicht wir selbst - wir ´sind der staat!

Antworten Gast: Julikäfer
05.07.2012 22:03
3 0

Re: Aussage einer Bankangestellten heute nachmittag:

Der Staat wird nicht nur die € 100.000 nicht haben, sondern auch auf das Vermögen der Bürger zugreifen !!!

Re: Re: Aussage einer Bankangestellten heute nachmittag:

Ist mir schon alles klar, sollte aber dennoch hin und wieder thematisiert werden, weil sich noch viel zu viele darauf verlassen, dass sie ihr Geld von der Bank jederzeit beheben können.

 
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