Goethes 'Faust': Grenzenloses Gelddrucken anno 1832

Goethe sah die Wirtschaft mit ihrer Papiergeldschöpfung als eine Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln. In Zeiten der Krise wird er gern zitiert.

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(c) EPA (JENS KALAENE)

Vor einer Woche hielt Jens Weidmann, Chef der Deutschen Bundesbank, eine viel beachtete Rede über Goethe und die Geldschöpfung. Er zitierte darin den Ausnahme-Literaten als Vorreiter im Kampf gegen die Inflation und zog die "Gelddruckszene" in Faust II heran, wie "Die Presse" berichtete. Darin machen Faust und Mephistopheles dem Kaiser in Finanznöten ein verführerisches Angebot: Das Anwerfen der Notenpresse. "Ich habe satt das ewige Wie und Wenn. Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn", klagt der Kaiser. Mephistopheles antwortet: "Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr".

Die unbegrenzte Geldschöpfung ist auch das, was 180 Jahre nach Entstehen des Goethe-Werks den deutschen Bundesbankchef beschäftigt. Weidmanns Rede (im Volltext) wird als Appell an all jene europäischen Politiker gewertet, die das Staatsschuldenproblem durch Inflation und "Gelddrucken" lösen wollen. Denn langfristig funktioniere das nicht, so die Warnung von Weidmann.

Geldschöpfung als Fortsetzung der Alchemie

Was viele nicht wissen: In seiner Begrüßung wandte sich Weidmann auch an den Schweizer Ökonomie-Professor Hans Christoph Binswanger. Dieser hat bereits Mitte der 1980er Jahre das Buch "Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes Faust" geschrieben (eine Neuauflage erschien 2009). Seine zentrale These: Goethe sah die moderne Wirtschaft mit ihrer Papiergeldschöpfung als eine Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln. "Während die klassischen Alchemisten versuchten, aus Blei Gold zu machen, werde in der modernen Wirtschaft Papier zu Geld gemacht", sagte dazu Weidmann in seiner Rede anlässlich des 18. Kolloquiums des "Instituts für bankhistorische Forschung".

Reales Vorbild für Mephistopheles soll übrigens der britische Banker John Law (mehr zum "Erfinder" des Papiergelds...) gewesen sein, der mit seinem Papiergeldexperiment den französischen Staat 1720 in eine schwere Wirtschaftskrise stürzte.

Goethe riet von Papiergeld-Einführung ab

Binswanger - übrigens Doktor-Vater des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann - weist in seinem Buch darauf hin, dass Goethe das Manuskript des zweiten Teils des "Faust" versiegeln ließ. Mit der Weisung, es erst nach seinem Tod zu publizieren. Goethe war demnach überzeugt, dass seine Zeit die darin enthaltene Botschaft nicht verstehen würde - und sollte damit laut Binswanger recht behalten. Denn erst heute werde deutlich, wie sehr uns Goethe mit unserer eigenen wirtschaftlichen Lage konfrontiere.

Und Goethe war in Wirtschaftsfragen durchaus bewandert. Als für den Bereich Wirtschaft zuständiger Minister am Weimarer Hof erlebte er die industrielle Revolution mit. Er selbst riet Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach von der Papiergeld-Einführung ab. "Jeder Münzfuß, er sey welcher er wolle, muß fest seyn", schrieb er laut "Handelsblatt" in einem Gutachten.

Goethe las Adam Smith

Sein Ministeramt erhielt er, weil er schon vorher ökonomische Literatur studiert hatte. In seiner Bibliothek befand sich auch die deutsche Ausgabe von Adam Smith's "Wohlstand der Nationen". Goethe hat laut Binswanger die Problematik der "Geldschöpfung aus dem Nichts" erkannt. Auch wenn sie zuerst Handel und Wandel beschleunige, müsse sie über kurz oder lang zur Inflation - also der Entwertung des Geldes - führen.

Die Goethe-Figur des Narren spricht das im Gespräch mit Mephistopheles aus:

Auszug aus Faust

Der Narr: Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?

Mephistopheles: Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt.

Narr: Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?

Mephistopheles: Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.

Narr: Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach?

Mephistopheles: Traun! Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!

Narr: Heut abend wieg' ich mich im Grundbesitz!

Mephistopheles: Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!

"Der Narr, der wie immer der einzig Kluge ist, hat die drohende Inflation und gleichzeitig den Ausweg daraus erkannt", schreibt Binswanger: Die Flucht in die Sachwerte.

"Reichtum steht nur auf dem Papier"

Goethe-Experte Binswanger ist der Überzeugung, dass die Welt zu viel Geld hat. "Die Investoren und Unternehmer wissen nicht mehr, wofür sie das Kapital einsetzen sollen. Das Geld vermehrt sich schneller als die kreative Phantasie. Es werden Dinge produziert, die man nicht braucht", sagte er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Gleichzeitig werde aber ein Teil der Bevölkerung immer ärmer. Seine Warnung: "Die Menschen halten sich für reicher als sie es sind, wenn sie Aktien haben und die Kurse steigen. Doch dieser Reichtum steht nur auf dem Papier. Es kann jederzeit wieder verschwinden."

Binswanger nimmt die Ökonomen-Zunft nicht aus seiner Kritik aus. Diese würde heute von einem "Minuswachstum" sprechen. "Sie können das Wort Schrumpfen nicht einmal aussprechen", so Binswanger. Er sieht das als Zeichen dafür, wie wenig Wirtschaft mit der Realität zu tun habe. "Sie ist einfach Ausfluss der Magie, aus weniger mehr zu machen."

Goethe und das Geld

Goethe steht momentan nicht nur beim Bundesbankchef Weidmann hoch im Kurs. Im Frankfurter Goethe-Haus ist bis Ende des Jahres die Ausstellung "Goethe und das Geld. Der Dichter und die moderne Wirtschaft" zu sehen. "boerse.ard.de" hat Goethe und Faust II sogar ein eigenes Web-Special mit dem Titel "Goethe und die aktuellen Wirtschaftskrisen" gewidmet.

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