Zum Tod von Christine Nöstlinger: Sie hat auf den Gurkenkönig gepfiffen

"Gretchen, mein Mädchen", "Die feuerrote Friederike" und "Die Geschichten vom Franz": Christine Nöstlinger, Österreichs wichtigste Kinderbuchautorin, ist 81-jährig gestorben. Ihre Bücher haben Generationen geprägt – gerade weil sie nicht erzieherisch waren.

Christine Nöstlinger 2016
Christine Nöstlinger 2016
Christine Nöstlinger 2016 – Michele Pauty / Die Presse

"Wir haben viel weniger gelernt als heutige Kinder – und wir waren auch recht blöd.“ Auch für solche reschen Interview-Sätze schätzten heutige und gewesene Kinder sie. Nein, Christine Nöstlinger hatte wenig übrig für erhobene Zeigefinger, für moralische Mahnungen, und genau das machte sie zur bedeutendsten Kinderbuchautorin Österreichs. Die auch gern trocken festhielt, dass sie nicht „speziell kinderlieb“ sei.

Sehr wohl galt ihre Liebe den etwas seltsamen, etwas außertourlichen Kindern, dem Franz Fröstl etwa, dem sie drei wiederkehrende Probleme zuschrieb: Er ist für sein Alter zu klein, er schaut mit seinen Locken aus wie ein Mädchen und seine Stimme wird, wenn er sich aufregt, piepsig. Über diesen Franz schrieb sie 19 Bände, und jeder, der sie gelesen und/oder vorgelesen hat, erinnert sich an Abenteuer, die ihn besonders gerührt haben, etwa an Franzens Auseinandersetzung mit der Gabi – ja, auf dem wienerischen Artikel vor dem Namen bestand sie, den ließ sie sich von keinem Lektorat ausreden! –, die z. B. beginnt, eine Geheimsprache zu entwickeln, aber sich durch ihre Vorliebe für das Wort „Quatsch“ verrät. Jeder frischgebackene Opa muss sich natürlich die Opageschichten wieder aufs Nachtkastel legen, jede Oma die Omageschichten. Und das „ABC für Großmütter“.

Auf der Grenze zu Ottakring

Ja, Sachbücher schrieb sie auch, darunter drei Kochbücher (z. B. „Mit zwei linken Kochlöffeln“) und auch literarische Texte für Erwachsene. Die Reihe „Iba de gaunz oaman Kinda“, „Iba de gaunz oaman Fraun“ und „Iba de gaunz oaman Mauna“: Schon die Titel zeigen, wie wunderbar lakonisch ihr Wienerisch wirkt – ihr Hernalserisch, hätte sie wohl präzisiert. Genauigkeit war ihr da wichtig, man erinnert sich daran, wie sie einmal erzählte, wie sie als Kind über die Ottakringer Straße gegangen war, genau auf der Mitte, auf der Grenze zwischen Ottakring und Hernals, links und rechts die kleinen Häuser.

Sie selbst war ein armes Kind, schämte sich dafür, im Parterre zu wohnen, und sie war, wie sie in ihren „Erinnerungen“ festhielt, „schon viel ,frecher‘ als andere im meinem Alter.“ Und den ganz armen Leuten war sie wirklich nahe, ohne Gefühlsduselei, ohne Sozialromantik: Sie war in der Wolle gefärbte Sozialdemokratin, beide Eltern hatten unter den Nazis gelitten, ihre Mutter hatte sich frühpensionieren lassen, um die Kinder nicht mit NS-Liedern indoktrinieren zu müssen. Ihre Kindheit während des Zweiten  Weltkriegs arbeitete sie etwa in „Maikäfer flieg!“ auf, im fantastischen Roman „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ zeigte sie ihre tiefe Abscheu vor angemaßten Autoritäten.

Ohne Zorn. Dafür war sie zu cool. Ob sie das Adjektiv akzeptiert hätte? Stoisch wirkte sie, bei allem Engagement, sparte mit der Mimik. In ihren Büchern bejammerte sie Probleme nicht, sondern stellte sie schlicht dar, auch Eheprobleme von Eltern: Das war neu in der Kinder- und Jugendliteratur. In der Idylle war sie nicht daheim. Und wenn man sie fragte, sagte sie klar: Nein, erzieherisch wolle sie nicht wirken.

Genau deshalb hat sie Generationen geprägt. Wie Astrid Lindgren: Den nach der schwedischen Kollegin benannten Preis erhielt sie 2003 als erste. Und wer sich ihren Büchern beharrlich entzog, hat zumindest die Stimme des Dschi Dsche-i Wischers (gesprochen von Wolfgang Hübsch, aber elektronisch verfremdet) im Ohr, der über seine Zores mit den Altwischern und dem Schwesterwisch plauderte. Das war 1979 im Ö3-Wecker. Ach, so etwas gibt es heute nicht mehr in Ö3, will man schon klagen, doch dann fällt einem ein, dass sie für solche Nostalgie, für solches Früher-war-alles-besser-Geraunze nichts übrig gehabt hätte. Auch allzu dick aufgetragene Sentimentalität in Nachrufen wäre ihr wohl nicht recht. Aber man darf schon sagen: Es ist ein Jammer, dass jetzt die Nöstlinger gestorben ist. Sie wurde 81, das Begräbnis war bereits, im kleinen Kreis in Wien.

Christine Nöstlingers Bücher

Zu ihren wichtigsten Werken zählen unter anderem:

- "Die feuerrote Friederike" (1970)

- "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig" (1972)

- "Maikäfer flieg!" (1973) 

- "Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse" (1975)

- "Rosa Riedl Schutzgespenst" (1979)

 - "Gretchen Sackmeier" (1981)

- " Das Austauschkind" (1982)

- "Der Hund kommt!" (1987)

- "Gretchen, mein Mädchen" (1988)

- "Anna und die Wut" (1990)

- "Sowieso und überhaupt" (1991)

- "Geschichten vom Franz" (Serie ab 1984)

Der ORF ändert sein Programm

Einige ihrer Bücher wurden auch verfilmt. Zuletzt etwa "Maikäfer flieg", jenes Buch, in dem Nöstlinger ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs aufarbeitete (Regie: Mirjam Unger; mit Zita Geier als Christine und Ursula Strauss als deren Mutter). In memoriam Christine Nöstlinger ändert der ORF sein Programm und zeigt den Film am Sonntag, dem 15. Juli 2018, um 20.15 Uhr in ORF 2 anstelle des "Tatort". Weiters stehen am 15. Juli "Die 3 Posträuber" und "Villa Henriette" in ORF eins und der "dok.film: Mein Hernals" in ORF 2 auf dem Programm. Der "kulturMontag" am 16. Juli (ab 22.25 Uhr in ORF 2) widmet der verstorbenen Autorin einen Beitrag, ebenso "Thema" (21.05 Uhr, ORF 2). Auch ORF III Kultur und Information gedenkt der verstorbenen Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger und widmet ihr bereits heute, am Freitag, dem 13. Juli, um 19.45 Uhr eine Spezialsendung "Kultur Heute".

>> Porträt von Nöstlinger aus der Reihe "Dichter und Denker" von Michael Horowitz.

>> Christine Nöstlingers letztes Interview mit der "Presse am Sonntag" zu ihrem 80er.

>> Galerie mit einer Auswahl ihrer schönsten Bücher

(red./APA)

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